Wandertagebuch PCT - Mai 2022

Mai - April = Techachapi nach Lake Tahoe und weiterMai - April = Techachapi nach Lake Tahoe und weiter


14.-15. Mai – Kammwanderung um das Keslo Valley herum

Der Rucksack ist eindeutig zu schwer. Das liegt aber nicht nur an dem vielen Essen, das wir mitnehmen müssen. Vor allem wiegt das viele Wasser schwer, das wir am Weldon Peak vorbei in die Saint John Ridge tragen müssen. Die Kammwanderung an sich ist herrlich. Die gewaltigen, sturmzerzausten Kiefern und die von Wind und Wetter geformten Felsen sind faszinierend. Auch die Ausblicke von dem schmalen Pfad immer wieder berauschend. Doch nun hat die Hitze auch uns wieder im Griff. Der Mittagsschlaf wird fast schon obligatorisch, um dem Körper einen Moment Regeneration zu gewähren.

Vorgestern trafen Tom und ich auf einen älteren PCT-Wanderer, der sein letztes Wasser schon ausgetrunken hatte. Es lagen noch gute vier Meilen (6,5 km) bis zur nächsten Wasserstelle vor ihm, aber er war schon reichlich fertig. Nicht, dass wir ihm das Leben gerettet haben, aber er war schon sehr dankbar, dass wir ihm von unserem aufgesparten Wasser etwas abgegeben haben.

Gestern dann durfte ich am eigenen Körper spüren, wie heftig es ist, wenn das Wasser alle ist und der Körper seine Dienste einstellt. So weich in den Beinen und so kraftlos habe ich mich noch nie gefühlt. In der Hitze verliert man unwahrscheinlich schnell die Flüssigkeit, die man zuvor mühevoll auf dem Rücken umhergetragen hat. Abends bin ich dann auch nur noch in den Schlafsack gefallen und war zu müde für alles!

Ich werde am 16. Mai versuchen, eine lange Mittagspause zu machen und dafür bis in die Nacht hinein zu wandern. Tagsüber ist es unerbittlich heiß. Näher zur Küste wüten auch schon wieder die ersten Waldbrände in Kalifornien. Besonders dieser wüstenhafte Staat bekommt die Klimaerwärmung deutlich zu spüren. Für die ausgedehnten Obstanbauflächen steht jedes Jahr weniger Wasser zur Verfügung und Waldbrände sind bei wochenlanger Rekordhitze nicht zu vermeiden. Und wir PCT-Wanderer müssen froh sein über kleine Rinnsale, die vom immer weniger fallenden Winterschnee gespeist werden.

Für diese Woche sagt der Wetterdienst eine für die Jahrezeit viel zu frühe intensive Hitzewelle voraus - bis zu 30 Grad im Schatten. Das wird sehr, sehr hart in der nur spärlich von Bäumen bestandenen Bergwelt.

13. Mai 2022 - Es geht wieder los - Richtung Kennedy Meadows (nächster Versorgungspunkt)

Ich freue mich, wieder auf dem Trail zu sein. Um 8 Uhr wurden wir zurück zum Pass gefahren und dann begann auch gleich der Anstieg: 800 Höhenmeter. Aber das ist es nicht, was mich (und die anderen) bremst. Es ist der elend schwere Rucksack mit Essen für 8 Tage. Der schmerzt schon, wenn man ihn nur aufsetzt - oh mein Gott!

April - Mai = Von der mexikanischen Grenze nach Tehachapi

10. - 11. Mai 2022 - Elend lange Strecke nach Tehachapi und ein Ruhetag

Um nicht nochmals nördlich des Fremont Valley im Freien übernachten zu müssen, vor allem aber, um nicht am nächsten Tag fast 24 Meilen ohne Wasser laufen zu müssen, haben wir aus den ursprünglich 15 Meilen für diesen Tag doch dann 23 Meilen (knapp 37 km) gemacht. Dafür sind wir dann mit Hiker-Daumen nach Tehachapi (1200 m Höhe) getrampt und können unsere Vorräte auffüllen und in einem Hotel übernachten, duschen und waschen. Es war allerdings ein harter, anstrengender und wie die ganze Zeit schon sehr windiger Tag.
Nach Tehachapi geht es langsam in die Sierra Nevada hinein, dem langestrecken Bergrücken im Westen Amerikas, der uns nun für viele Wochen begleiten wird. Sweet Ridge und Emerald Mountain sind die nächsten Ziele, die uns wieder bis an die 2000 Meter Grenze bringen. In Kennedy Meadows beginnt dann die richtige High Sierra, aber bis dahin sind es noch ein paar Tageswanderungen :-)

Vorher erholen wir uns in dem Ort und tun vor allem eines: Essen, essen und nochmals essen. Es ist unglaublich, was man alles in sich hinein stopfen kann. Selbst Süßkram und Fett hinterlassen keine Spuren - der Körper verbrennt inzwischen alles, an das er heran kommen kann. Die Wäsche wird auch wieder mal gewaschen. Nur in Daunenjacke und Regenjacke gehüllt habe ich die Loundry im Dorf gesucht - herrje, ist das kalt morgens!

Meine neuen Schuhe sind ebenfalls da. 900 km in dem Gelände und mit dem Gewicht hat die Altras Stabilität und Zusammenhalt gekostet. Und die nächsten Kilometer werden nicht besser zu den Schuhen sein.

Ich teile mir meinen drei Begleitern ein Hotelzimmer - so halten sich die Kosten in Grenzen. Sieht recht wüst aus in unserer Wohnbude - eben fast so wie in den Campgrounds. Allerdings ist "Duschenkönnen", wann immer man will, schon ein besonderer Luxus.

7. - 8. Mai - Durch das Antelope Valley bei Neenach - Wind- und Solarkraft pur

Nach einer ausgedehnten Pause auf dem Bear Campground und Wasserfassen bin ich am 32. Tag meiner Wanderung noch bis zum Rand der Traverse Mountain Ridge gewandert. Der äußerste Zipfel der Mojave-Wüste zieht sich hier bis weit in den Westen hinein und kann extrem heiß sein. Wir haben allerdings Glück. Es wird nicht so warm die kommenden Tage. Am Horse Trail Camp kurz vor der Ebene bleibe ich für die Nacht.

Am 8. Mai geht es hinab nach Hikers Town, eine verrückte Ansammlung von Schuppen inmitten von weitgehend....nichts. Neenach ist ein riesiges Gebiet, in dem gerade mal 800 Menschen ihre Häuser stehen haben. Dementsprechend weitläufig ist alles.
Um Halb Sechs bin ich wieder auf den Beinen und laufe - noch immer behindert und deswegen langsam - los. Durch die Hügellandschaft vor der staubigen Ebene schlängelt sich der Weg zum Rastplatz, wo es auch etwas zu Essen gibt. Drei Stunden später bin ich wieder auf dem schnurgeraden Weg parallel zur Wasserleitung. Das Wetter ist zu günstig und so laufe ich - entgegen des ursprünglichen Plans, nachts zu gehen - mit den anderen weiter. Unglaublich viele Windkraftanlagen stehen hier in der Ebene und die Hänge hinauf. Dementsprechend windig ist es und keinesfalls warm.
Um 19 Uhr habe ich einen Teil des riesigen Solarparks Garland Solar Factory umrundet. Trotz der umstehenden Windkraftanlagen baue ich mein Zelt auf - weiter komme ich heute einfach nicht! Das waren 43 Kilometer, aber dafür bin ich fast wieder raus aus der Ebene.

6. - 7. Mai - Es geht weiter, keine Zeit für langes Heilenlassen

So schön der Platz da bei Lake Hughes auch war, es hält mich nicht. Der Fuß ist frisch getapt und es geht ganz gut. Bin zwar nicht gerade die Schnellste, aber dennoch schaffe ich 12 Meilen. Muss sie auch schaffen, denn erst da gibt es wieder Wasser.

Am 7. Mai geht es weiter nach Neenach. Je nachdem, welche Ausrichtung der Hang hat, ist es sommerlich-trocken - doch eine Biegung weiter wächst das frische Gras 50 cm hoch und es blüht wie wild. Dieser Duft! Zum Glück ist die Verletzung am Fuß so, dass ich laufen kann und die Wunde nicht durch die Dehnung ständig wieder aufreisst. Glück im Unglück. Nun muß ich sie "nur" sauber halten. Was gar nicht so einfach ist, denn der feine Staub findet seinen Weg selbst in die untersten Kleidungsschichten findet. Aber ich habe keine Schmerzen und ich kann unverkrampft gehen. Es ist doch eher glimpflich verlaufen. Zudem ist der Wanderweg einfachtraumhaft zu laufen. Ein herrlich bequemer Pfad, der natürlich hoch und runter geht, aber weit entfernt vom wilden Te Araroa in Neuseeland.

Das Essen hier drüben ist echt....kalorienreich. Nicht, dass es uns Langstreckenwanderer stören würde. Aber wenn so ein einzelner, gar nicht großer Keks schon 500 kcal hat und ein Eisbecher 1000 kcal, braucht man sich nicht zu wundern, warum hier....sagen wir mal so: draussen vor der Kneipe steht die Harley, drinnen ist der Bauch. Leibspeise für mich ist Tortilla mit Marmelade oder Käse oder was eben gerade da ist.

Kleine Geschichte: Als ich in der Kneipe in Lake Huges saß, kommt ein Hiker rein und setzt sich an den Tisch nebenan. Nach dem Hallo hin und her kommt die Frage: "Bist du Happy?"
Und dann erfahre ich, dass meine Geschichte den Trail rauf und runter wie ein Lauffeuer weitererzählt wird.
Als ich wieder zurück am Zelt bei Lake Hughes bin, kommen zwei Hiker vorbei...und die fragen mich auch, ob ich "Happy" bin mit dem Tent-Nail :-)
Und zwei Tage weiter kommt das Mädel, das in Lake Hughes neben mir zeltete, als mir der Mist passiert ist, zu dem Nachtplatz, wo ich auch schlafen werde....was ein Wiedersehen. Die zwei Wandertage habe ich ja zwangsweise abkürzen müssen, damit ich dann jetzt wieder ohne große Probleme weiterlaufen kann. Aber so habe ich ein wenig "Berühmtheit" erlangt - nicht Blasen am Fuß, sondern ein Zeltnagel...

5. Mai 2022 - per "Kankentransport" nach Lake Hughes :-)

Es fällt sehr schwer, den anderen dabei zuzuschauen, wie sie nach und nach wieder auf dem Trail verschwinden. Aber viele Meilen auf dem in einen Verband gewickelten Fuß laufen kann ich vergessen. Nicht, dass es sonderlich weh tut, aber ich will nicht riskieren, dass der Schnitt wieder aufreisst und sich dann womöglich entzündet. 
So verabschieden sich Tom und Salty und die anderen Mitwanderer von mir und ich bleibe zurück.

Doch wie so oft: Das Glück kommt vorbei und klopft leise an. Wenn man es hört und die Türe öffnet, dann passiert so etwas wie mir es passiert ist: Kurz vor Mittag bekomme ich eine Mitfahrgelegenheit bei der Schwester der freundlichen Dame, die mir gestern Abend den Fuß verbunden hatte. Sie hatte sogar in der Facebook-Gruppe der Trailangels einen Eintrag gemacht, dass ich einen Ride, eine Mitfahrgelegenheit brauche. Doch am Ende hat sie es selbst übernommen, mich nahe Lake Hughes (alle Seen sind bereits ausgetrocknet) zu bringen. Die extrem weiten Strecken ohne ausreichende Wasserversorgung um Aqua Dulce herum liegen damit hinter mir. Das hilft sehr, auch wenn es Luftlinie nicht mal 35 km sind.
Nun bin ich an der Schnittstelle des PCT mit der Strasse nach Lake Hughes. Die Strasse ist nicht viel befahren und ich finde einen ganz netten Platz in einer kleinen Baumgruppe.

Als ein Mann mit seinem großen, schwarzen Hund vorbeikommt, geraten wir ins Gespräch. Ich erzähle ihm, wie ich hier her gekommen bin und was mir passiert ist. Er erzählt mir, dass es oben an der Strasse frische Cookies und kalte Getränke und frisches Wasser gibt. Er bietet mir an, mir etwas zu holen – und tut das dann auch. Es ist herrlich, wie hilfsbereit die Menschen hier sind.
Später möchte ich noch nach Lake Hughes, es gibt dort einen winzigen Supermarkt und ein kleines Restaurant, wo ich mir was zu Essen bestellen möchte.

Unglaublich, der Mann, der mir vorhin schon geholfen hat, hat mich abgeholt und nach Lake Hughes gefahren. Er hat mir sogar ein kleines Päckchen mit Verbandmaterial und Desinfektionsmittel mitgebracht. Nun sitze ich glücklich in der kleinen, urigen Kneipe und esse Hamburger mit Pommes und frischem Salat. Es ist wirklich so unglaublich – da sitzt man im vermeintlichen „Middle of Nowhere“ und dann finden sich so herzliche und freundliche Menschen.

4. Mai - Zwangspause 2 Tage vor Aqua Dulce

Weiterlaufen ist heute leider keine Option. Der Fuß tut zu weh und ich will keine Entzündung riskieren. Hoffentlich kann ich morgen wieder.
Das sind die Situationen, die einen trotz eisernen Willens stoppen können :-(

2. - 3. Mai - Entlang der Angeles Crest Road und dann hinab nach Solidad Canyon

So herrlich die Landschaft hier oben. Sie wird geprägt von dem rauen Klima, den zahlreichen Waldbrände und durch die Steilheit der Berghänge und erinnert mich permanent an klassische alte Cowboy-Filme aus meiner Jugend. Die Kiefern sind Zeugen für die harschen Lebensbedingungen und auch wir Wanderer kämpfen das ein oder andere Mal mit dem Weg. Scheefelder und umgestürzte Bäume erschweren das Vorankommen. Zudem sind viele Wasserstellen jetzt schon nur noch Rinnsale. Die später startenden Thruhiker werden noch viel mehr Wasser mit sich herum schleppen müssen, um nicht Durst leiden zu müssen.

Der Wanderweg folgt mit Abstand der Kammlinie, der auch eine Forststrasse folgt. Bisweilen ist es jedoch so schmal hier oben, dass nur noch der PCT Platz findet. Die Aussicht ist - welch Glück, dass das Wetter so stabil gut ist - zwar grandios, aber durch Dunst in der Luft nie richtig klar.
Den Meile-Marker 400 passiere ich am 2. Mai und lande nach einem langen Abstieg aus dem Gebirge am 3. Mai schließlich bei Meile 444 im Solidad Canyon. Der dortige Campingplatz ist zu verlockend und die Kleidung kann wie ich selbst dringend eine Reinigung vertragen.
Leider ist mir ein sau-doofes Mißgeschick passiert. Ich bin in einen Zeltnagel reingetreten und habe mir unterm Fuß ordentlich Fleisch aufgerissen. Nach Begutachtung einer zufällig anwesenden Krankenschwester bleibt mir zwar das Nähen der Wunde erspart, aber ich muß mindestens einen zusätzlichen Zeroday einlegen - wenn nicht zwei. Denn eine Entzündung kann ich mir nicht leisten bei den vielen Kilometern, die noch vor mir liegen. Mist!

30. April - 1. Mai 2020 - Wieder auf dem Trail in den Transver Ranges Richtung Agua Dulce

Am 30. April früh um 7:30 Uhr stehe ich wieder auf dem Trail. Frisch ausgeruht machen sich Tom, Salty und ich auf den Weg Richtung Mount Baden-Powell. Es geht knapp unter dem 2862 m hohen, baumlosen Gipfel entlang (Baden-Powell war übrigens britischer Kavallerie-Offizier und Gründer der Pfadfinderbewegung). Der Tag wird recht anstrengend, denn es geht immer am Kamm entlang durch die eher von Ost nach West verlaufenden Los Angeles Ranges. Bei dem Little Jimmy Trail Camp (384 Meilen) ergibt sich eine günstige Stelle, um den Tag nach 24 km abzuschließen. Herrje, was ein großer Platz und zahllose Zelte. Eine ganze Jugendgruppe und viele kleine Lagerfeuer - dennoch ist es nach Sonnenuntergang bald ruhig, denn die Nächte sind kalt.

Natürlich hatte ich schon bei der Vorbereitung gesehen, dass auch die Strecke vor der High Sierra recht gebirgig ist. Doch erst, wenn man selbst in der Landschaft entlang läuft, erkennt man die beträchtlichen Steigungen, die der Trail hier für einen bereit hält. Das ich am Cajon Pass das erste Mal die 1300 km lange San Andreas Spalte gequert habe, ist mir erst im Nachhinein bewusst geworden. Ich werde diese gewaltige Spalte , an der die Pazifische Platte entlang der Nordamerikanischen Platte gleitet, nochmals bei Lebec am äußersten westlichen Ende der Mojave Wüste queren.

Am 1. Mai bin ich parallel zur Angeles Crest Road oberhalb von Pasadena und dem Großraum Los Angeles bis zur Sulphur Springs Campground (407 Meilen, 37 Tageskilometer) gewandert. Es war ganz schön anstrengend und ich spüre die Füsse ordentlich. Doch so im Flow merkt man die Anstrengung erst hinterher richtig.
Schon früher am Tag habe ich mir eine ordentliche Portion zu Essen gemacht - Tortillia mit fett Marmelade, danach Erdnüsse und Kekse. Unterwegs gibt es ab und zu M+M´s als kleine Energiespritze. Da ich meist nicht weiß, ob ich am Abend Wasser haben werde, koche ich lieber da, wo eine Quelle entspringt oder ein Bach fließt.

Leider plagt mich etwas die Sonnen- und Stauballergie an den Beinen. Es half nichts, ich habe mir die Beine am Mittagsplatz mit klarem Wasser abgespült und dann wieder lange Hosen angezogen.
Der Nachtplatz ist herrlich einsam. Die jüngeren Wanderer, die noch vorbei kamen, sind zum Gruppen-Campground weiter gelaufen - dort sind sie unter sich. Ich aber genieße die Ruhe.
Am Morgen ist mein Schnupftuch gefroren - die Nächte sind noch erbärmlich kalt hier oben. Erst, wenn die Sonne kommt, wird es gemütlich, weswegen ich meist nur abbaue und mich gleich auf den Weg mache. Lieber eine Stunde später irgendwo in der Sonne Frühstück machen wie mit klammen Fingern die heiße Tasse umklammern.

Lustig war eine Begegnung heute mit einer 63-jährigen Frau, die genau am gleichen Tag Geburtstag hat wie ich - und natürlich auch das Ziel hat, an diesem Tag am Northern Terminus anzukommen. Wir werden uns vermutlich noch öfter begegenen.


E-Mail
Karte
Infos