Ein Stück Nibelungensteig im Nord-Odenwald im Dezember 2022

Nicht nur die Wikinger in Norwegen und Island haben eine reiche Sagenwelt (Edda), die Germanen trugen diese Geschichte auch bis zu uns in die Rheinebene und den Odenwald. Bei uns heißt sie „Die Nibelungensaga“ und ist Namensgeber für den Nibelungenring bei den Bayreuther Festspielen.

Hagen von Tronje, der Antiheld der Saga, versenkte bei Worms den Schatz der Nibelung im Rhein. Folgerichtig beginnt der wichtigste Zustieg zum 130 km lange „Nibelungensteig“ auch in Worms. Der Nibelungensteig selbst beginnt in Zwingenberg am Odenwaldrand. Er führt über die Höhen und Täler des nördlichen Odenwalds bis nach Miltenberg und schließlich Freudenberg am Main. Erfreulicherweise ist der Wanderweg so angelegt, dass man viel über naturbelassene Pfade wandert und nur gelegentlich eine Ortschaft streift.

Natürlich war zu erwarten, dass ich auf einer Mehrtagestour auf dem Nibelungensteig nicht viele andere Wanderer treffen würde – nicht mitten im Dezember 2022. Nach dem lange noch warmen Herbst wurde es nun deutlich kälter und der Boden war nach der ersten kalten Nacht gefroren. Was durchaus an manchen ehemals matschigen Stellen auch Vorteile hatte. Das aber so gar kein weiterer Wanderer anzutreffen war zeigte mir, wie sehr ich wohl noch im Training des PCT war.

Doch wie kam ich überhaupt auf diese Idee? Nun, nachdem mein Dienst bereits wegen Personalausfällen verlängert worden war und mich eine heftige Erkältung ans Haus gebunden hatte, litt ich immer mehr am Lagerkoller. Sechs Monate lang war ich jeden Tag irgendwie in der Natur gewesen und dieser Rhythmus steckte noch immer in mir. Es zog mich hinaus, da konnten mich auch die ersten Schneeflocken nicht abschrecken. Ausserdem hatte ich ja auch auf dem Pacific Crest Trail die eine oder andere bitterkalte Nacht gehabt. Ich wusste also, dass meine Ausrüstung geeignet ist.

Mein Plan ließ sich wie folgt kurz zusammenfassen: Erste Übernachtung am Marbach Stausee, zweite am Schöllenbacher Eutersee, dritte nahe der Zittenfeldener Quelle vor Amorbach, vierte an der Marienkapelle über der Stadt Miltenberg. Danach Freudenberg und Heimfahrt.

So startete ich am 10.12.2022 in Beerfelden recht spät am frühen Nachmittag. Weit mußte ich ja nicht wandern bis zum Marbach Stausee. Allerdings wird es im Dezember auch sehr früh dunkel und so war ich froh, in der Gebhardshütte einen mit Holzschnitzeln vorbereiteten Schlafplatz zu finden. Die erste Nacht war bereits gleich mal so kalt, dass ich am Morgen das Wasser erst einmal aufwärmen musste, um meine Zähne ohne Schmerzen putzen zu können. Schnell auch noch einen warmen Kaffee und dann ging es auch gleich los, um warm zu kriegen. Zelt hatte ich ja nicht aufbauen brauchen, insofern war ich bereits in der Dämmerung des beginnenden Tages (11.12.) unterwegs.

Weiß gepuderte Landschaft, knirschendes und gefrorenes Laub unter den Füßen – so stapfte ich durch die oft offene und weite Landschaft des nördlichen Odenwalds. Etliche Kühe und Pferde standen noch immer auf den Weiden – mit dem beginnenden Sonnenschein wurde es auch angenehmer. Allerdings blieben die Temperaturen eindeutig im frostigen Bereich.

Schon an diesem ersten Streckenwandertag deutete sich etwas an: Ich würde von den mitgenommenen Vorräten leben müssen. Der Weg streift zwar etliche kleine Ortschaften, doch in dieser abgelegenen Ecke des Odenwalds haben wohl viele Gaststätte die Coronajahre nicht überlebt.

Am Schöllenbacher Eutersee hatte ich erneut in einer - sehr offen gestalteten - Schutzhütte die nächste Übernachtungsmöglichkeit. Die Nacht wurde mit -10°C schon recht kühl, so dass trotz der Daunen meines Mountain Equipment Helium 600 Schlafsacks die Füße kalt wurden. Aber ich wusste ja vom PCT: Keine zu großen Sorgen machen, die werden nachher beim Wandern auch wieder warm! Überhaupt habe ich erst durch die Erfahrungen auf dem PCT den Mut und die Zuversicht gefunden, solch eine Winterwanderung machen zu können.

13.12.2022 Nun denn, das Wetter schien schön zu werden und lockte mit Sonne. Also die 29 km bis zum nächsten Ziel unter die Füße genommen (damit die auch bald warm werden). Liebend gerne hätte ich an dem Tag eine Pause in einem Restaurant eingelegt. Ich glaube, mein Körper erinnert sich bitterlich an den Trailhunger auf dem PCT – denn ich hätte liebend gerne eine große Portion irgendwas gegessen. Aber: keine einzige Gaststätte hatte offen. Weder an dem Tag noch an jedem anderen Tag der Woche.
Einer der Höhepunkte des Tages: Das Dreiländereck zwischen Baden-Württemberg, Hessen und Bayern am "Hesseneck".

Es dämmerte schon sehr deutlich, als ich etwa zwei Kilometer vor der Zittenfeldener Quelle bei Mudau in einen Weiler hinein wanderte. Die Wandertage im Dezember sind halt doch arg kurz.
Eine Bäuerin, die gerade zu ihren Kühen in den Stall wollte, um frische Milch zu melken, fragte mich, was ich hier mit meiner großen Wanderausrüstung wolle. Aus dem kurzen Gespräch ergab sich der Tipp, gegenüber zu einem älteren Ehepaar (wobei ich dabei immer vergesse, dass ich auch inzwischen zu dieser Kategorie gehöre) zu gehen. Die hätten eine Hütte und da könne ich bestimmt drin übernachten. Was ich dann geboten bekam, war regelrecht „PCT-like“. Denn die „Hütte“ war ein kleines Vereinsheim. Der Mann feuert sofort einen kleinen Holzofen an. „Hier muß sowieso mal wieder richtig durchgeheizt werden!“ So viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft umströmte mich, wie ich es eigentlich erst seit dem PCT in Amerika kenne.

So also übernachtete ich in einem voll ausgestatteten kleinen Häuschen mit fließend Wasser und Toilette….und einer warmen Heizung.

14.12.2022 Wirklich gut geschlafen habe ich trotz der Annehmlichkeiten nicht. Der Sprung von -10°C in der offenen Schutzhütte zu der anfänglich viel zu warmen Stube war wohl zu heftig.
Nach dem Müsli-Frühstück machte ich mich dann wieder auf den Weg. Allerdings hatte sich inzwischen das Wetter zugezogen. Das Schneeflockentreiben gab der Landschaft zwar einen winterlichen Anstrich, doch die Luft war längst nicht mehr so kalt und es wirkte, wie wenn es bald regnen würde. Dezember und Regen, keine Sicht und die dann doch kahle Landschaft – nein, die Unruhe zu Hause und die Lust auf das Wandern hatten mich hinaus getrieben, die Aussichten auf die letzten Kilometer bis Miltenberg und Freudenstadt allerdings lockten nicht so richtig. Ein Ausrutscher auf einer eisigen Stelle und der Sturz auf die Hüfte, die mir seit dem Forrester-Pass in Amerika weh tut, bekräftigte mich im Entschluß, in Amorbach der Winterbegehung des Nibelungensteigs ein Ende zu bereiten.

Allerdings wurde die Fahrt zurück zum stehengelassenen Auto zu einer regelrechten Irrfahrt. Luftlinie waren es gefühlt nur 40 km, aber Bus und Bahn fuhren alles andere wie Luftlinie.
So war ich dann doch bereits am Mittwoch Abend wieder zu Hause. Traurig war ich darüber aber nicht. Meinen Spaß und die Freude an der herrlichen Luft und dem „wieder Freisein“ hatte ich getankt und am Sonntag würde ich – seit dem 3.12.2022 ja Oma – endlich meinen Enkel in den Arm nehmen dürfen. Den Tag zuvor werde ich mit Kathrin wandern gehen. Kathrin, die eine Woche lang auch dem PCT von Campo aus folgte - mehr Zeit stand ihr Anfang November nicht zur Verfügung. Aber, wenn sie Glück hat, wird sie doch noch 2023 ein Permit für die Gesamtstrecke erhalten und dann ebenfalls den Pacific Crest Trail unter die Wanderschuhe nehmen.

17:30 war ich zurück und heizte mein Heim warm - nun kann ich es wieder so richtig genießen, Zuhause zu sein. Aber für wie lange wird sich der Fernweh-Hunger so stillen lassen.....bestimmt nicht sehr lange :-)

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