Der Rheinsteig - Wanderklassiker im Mittelrheintal

Der Rheinsteig ist gewiss einer der schönsten Fernwanderwege Deutschlands, begleitet der Weg doch den Rhein an seiner spannendsten Stelle: dem Durchbruch durch das Mittelgebirge. Auf 320 km erwandert man sich so die Strecke zwischen der alten Bundeshauptstadt Bonn, der Heimat von Hildegard von Bingen und der Hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. Der Rheinsteig ist bestens ausgeschildert und erfreut sich jedes Jahr einer großen Beliebtheit - dennoch ist er kein Spaziergang und erfordert Kondition und Ausdauer. Denn immer wieder geht es von den Höhen der Rheinterrassen hinab in tief eingeschnittene Täler, nur um Momente später wieder aufzusteigen auf aussichtreiche Wege oberhalb der Weinberge.

Das Rheintal ist geprägt von zahlreichen Burgen, steilen Weinbergen, trockenen Waldhängen mit knorrigen Steineichen und bezaubernden Städtchen am breiten Rheinstrom. Es gibt Wiesenwege, lange Waldstrecken, so manchen felsigen Weg und Schluchtenabschnitt, wunderbare Aussichtsplätze und so manche Sehenswürdigkeit zu sehen. Und wer das besondere Abenteuer fernab der Alpen sucht: sogar einige Klettersteige gibt es im tief eingeschnittenen Mittelrheintal.

Der Wanderweg kann in 21 Tagesetappen á 10 - 22 Kilometer Länge aufteilt werden. Insgesamt müssen rund 11.200 Höhenmeter überwunden werden. Die Königsetappen bei Lorch, Kaub, Kestert und Braubach sind dabei die intensivsten - für die Beine wie für die Sinne.

14.10.2021 Vorbereitungen auf den Rheinsteig

Die Idee zu dieser Wanderung entstand aus einem Geburtagsgeschenk heraus. Eine Freundin, die nächstes Jahr gerne einen Pilgerweg gehen möchte, hatte die Idee, einmal eine Mehrtagestour zu unternehmen. Zum Reinschnuppern sozusagen. Dabei muß man wissen, dass sie noch nie Mehrtagestouren unternommen hat - und erst recht nicht mit Übernachtungen im Zelt.

Nun denn, die Rucksäcke sind gepackt (jeweils etwa 6,5 kg) und die Fahrt nach Rüdesheim gebucht. Das Wetter soll recht gut werden und die eher kalten Nächte werden sich mit guten Schlafsäcken ertragen lassen. Dafür wartet ein herrlich herbstlicher Wald auf unser Wahrnehmen mit allen Sinnen.
Da es nur ein Reinschnuppern ist, wird es "nur" ein paar Tagesetappen geben. Dafür aber in dem vermutlich schönsten Abschnitt zwischen Rüdesheim und der Loreley in der Nähe von St. Goar. Und für mich ist es ein gutes Training für die geplante Weitwanderung im kommenden Jahr.



Freitag, 15.10.2021, Etappe 5, Rüdesheim - Campingplatz Suleika

Den Beginn der Rheinsteigwanderung haben wir uns etwas erleichtert gehabt. Den Aufstieg hinauf zum Niederwalddenkmal haben wir mit der herrlichen Rüdesheimer Seilbahn gemacht. Ruhig gleiten die kleinen Gondeln über die weite Weinbergfläche entlang, während sich der Blick auf Bingen, den Nahe-Zufluß und die Flußlandschaft des Inselrheins weitet. Unterhalb der weithin sichtbaren, 12,5 m hohen Steinfigur der Germania liegt direkt gegenüber des Mäuseturms die Burgruine Ehrenfels.

Vorbei an schönen Aussichtspunkten wie dem Rittersaal und dem Rossel geht es schließlich die Höllbergstrasse hinab Richtung Assmannshausen. Noch vor dem Stadtkern zweigt der Wanderweg rechts ab und führt wieder hinauf. Weithin lesbar prangt der Name der Weinlage an einer der Mauern, die den Hang in Stufen einteilen. Man folgt den Betonwegen, die hier den Abtransport der jährlichen Weinernte erleichtern, bis zu einem herrlichen Aussichtspunkt hinauf. Am Pavillion vorbei verlässt der Weg bald die offenen Weinberge und taucht in den für das Obere Mittelrheintal typischen, naturbelassenen Hangwald ein. Mit Stufen und kurzen Stahlseil-Stücken gesichert windet sich der schmale Pfad durch den felsigen, kargen Hang. Hier wachsen vor allem Steineichen, die am besten mit den harschen Lebensbedingungen zurechtkommen. Im Hochsommer kann es auf dem Rheinsteig sehr warm und drückend werden – auf der anderen Seite lässt diese exponierte Hanglage den besten Wein gedeihen.

Noch immer geht es weiter hinauf bis an die Kante der Rheinterrasse unterhalb des Bacheracher Kopfes. Schließlich erreichten wir auf felsig-steinigem, aber wieder breitem Weg die Aussichtsbank am Teufelskadrich. Dieser ehemalige Steinbruch ist inzwischen fast vollständig von der Natur zurückerobert. Doch es gibt genügend Lücken, um einen herrlichen Blick auf die nächsten Kilometer Rheinverlauf werfen zu können. Bank und Hütte laden zu einer Pause ein.

Steinig geht es von dem felsigen Bergrücken des Teufelskadrich bergab bis zu einer Forststrasse. Ihr folgend gelangt man schließlich ins Bodentaler Bachtal. Hier sollte denn auch nach 22 km der erste Tag zu Ende gehen. Der Campingplatz Suleika liegt in Terrassen angelegt im Bodental über dem Rhein und bot sich als Übernachtungsplatz an.


Samstag 16.10.2021
Etappe 6, 14km auf dem Rheinsteig von Lorch nach Kaub plus 6km vom Campingplatz Suleika nach Lorch.

Am nächsten Morgen hingen die dichten Wolken tief im herbstlich-bunten Rheintal. Kaum, dass man die andere Talseite erkennen konnte, so dicht war das Gewölk. In der Nacht hatte es etwas geregnet und so mußten wir unsere Zelte an diesem kühlen, feuchten Morgen nass in die Rucksäcke einpacken.

Zurück auf dem Rheinsteig geht es nun zunächst recht eben entlang. Oberhalb des Weges liegt der typische, niedrige Wald des Rheinischen Schiefergebirges, unterhalb dehnen sich die geordneten Reihen der Weinberge bis zum nächsten Ziel aus. Als nächstes kommt man an der Georgsruh vorbei. Wieder einer dieser sehr schönen Aussichtsplätze mit Schutzhütte, die zu einer Pause verlocken.

Weit hinein in den Bächergrund führt der Weg danach – wie so oft hatten die Wegplaner zu entscheiden, ob sie den Wanderer hinab zum Talgrund schicken und gegenüber einen steilen Anstieg anlegen. Oder aber den Weg weitgehend eben, dafür aber mit weitem Umweg in das hintere Ende des Taleinschnittes zu verlegen.

Vorbei an einer Bergnase gelangt man wieder in die Hänge über dem Rhein. Nun ist Lorch mit seiner weithin sichtbaren Kirche nicht mehr weit. Die Ortschaft hat, wie viele andere der Weinorte entlang des Mittelrheins, einen schönen, engen und verwinkelten Dorfkern. Nördlich am gegenüberliegenden Berghang sieht man bereits die mächtige Burg Stahleck über Bacharach.

In einer langen Gerade leitet der Wanderweg wieder hinaus aus Lorch und in die Weinberge hinein. Fast wie auf einem Klettersteig geht es sportlich weiter hinauf bis man wieder die Höhe erreicht hat, bei der der Weinbau in den Hangwald übergeht. Unterhalb liegt nun bald Lorchhausen wie eingeklemmt in einem Taleinschnitt. Auch hier weicht der Rheinsteig dem Talgrund aus und führt einen weit, dafür eben, ins Retzbachtal hinein.

Erst zurück am Rhein tritt man wieder aus dem Wald heraus und folgt einem dieser Wege, die den Rheinsteig so traumhaft machen: waagrecht geht es gut 100-150 m über dem Rhein entlang, so dass man ihm zwar nah ist, der Blick dennoch weit schweifen kann, während entlang des Weges sich zahllose unterschiedliche Büsche, Bäume, Moose und Flechten abwechseln. In den Feldsteinmauern, die den Weg gegen den Hang begrenzen, fühlen sich Eidechsen wohl und immer wieder queren Spuren den Weg und zeugen von dem reichen Wildbestand in dem unzugänglichen Gelände.

Direkt gegenüber Bacharach erreichten wir das Wirbellay. Von dem exponierten Aussichtspunkt aus kann man weit ins hinter der Burg liegende Tal schauen, in dem sich zwei Reihen Häuser um die eine Durchgangsstrasse drängen. Nach diesem weitsichtreichen Punkt führt einen der Rheinsteig hinein in das Tal des Niederbach. Am tiefsten Punkt erwartet einen ein uriger Platz zum Rasten  – vor allem aber auch der Übergang vom Rheingau ins Hessische. Einen Moment lang geht es wieder steil bergauf bis zur Hangkante über dem Rhein. Im Wald geht es gemächlich hinab Richtung Schenkelbachtal, das man nach rund 2 km erreicht. Der Weiterweg hin Richtung Rennseiterstollen ist etwas öd, geht es doch über breite Forststrassen. Dafür ist der Weiterweg vorbei an den großen Schuttbergen der Schiefer-Bergwerke im Volkenbachtal wieder umso interessanter.

Oberhalb von Kaub geht es wieder in die terrassierte Landschaft des Weinanbaus. Burg Gutenfels über Kaub ist das nächste markante Ziel. Von dort geht es durch die Weinberge im Zickzack den steilen Hang (Gutenfelssteig) hinab bis mitten ins Herz des kleinen Weindorfs Kaub. Während des ganzen Abstiegs zieht die einem Schiff gleiche Burg Pfalzgrafenstein („Die Pfalz“) den Blick auf sich. Mitten im Strom gelegen war sie die ideale Zollstation für die Händler, die ihre Waren auf dem breiten Strom transportierten.

Nach 22km und reichlich Höhenmeter kamen wir gegen 18 Uhr in schönen Ort Kaub an. Hungrig und mit schmerzenden Fuß liefen wir durch den Ort auf der Suche nach einem Restaurant und eventuell auch ein Zimmer für die Nacht. Schon bei der Vorstellung, ein patschnasses Zelt aufbauen zu müssen, verging uns die Lust auf Camping. Wir hatten den „Zimmer frei“-Blick aufgesetzt, damit uns nichts entgeht. Hotel geschlossen, Hotel zu verkaufen …... puhhhh gar nicht so einfach etwas zu finden. Doch um die nächste Ecke gebogen stand eine Tür offen und ein Schildchen verkündete „Zimmer frei“. Jawohl sag ich zu Nicole, wir klingeln oder rufen, Haaaallllooooo......

Eine Frau kommt aus der rauchigen Gaststube eines geschlossenen Hotels. Wir wie aus einem Munde: „Haben sie für zwei Wanderer ein Zimmer“? Da müsst ihr warten, bis ich fertig bin, die Zimmer sind nicht vorbereitet. „Das macht uns nichts aus, wir haben Schlafsack und uns reicht ein Bett.“

So bekamen wir kurzerhand eine Bleibe. Gingen zum Essen noch in den Ort und als wir zurückkamen, lag da noch ein herzlicher Nachtgruß unserer Wohltäterin vor der Zimmertüre.

Wir genossen noch eine warme Dusche und danach dann den erholsamen Schlaf in bequemen Betten.

Am Morgen machten wir uns einen Cappuccino auf dem Campingkocher und wollten eine Portion Porridge essen. Uhhhhhh, ich kann mich an den mit Wasser angerührten Pamp nicht gewöhnen, brrrr! Ich war bereit zu verzichten und wieder auf dem Weiterweg eine Bäckerei aufzusuchen. Mmmmhhhh eine Brezel – der Gedanke ließ mir das Wasser im Munde zusammen laufen.

Um 9 Uhr waren wir bereit zum Weiterwandern. Unten aber erwartete uns Anke und entschied, dass wir jetzt erst einmal den Rucksack wieder absetzen sollten, um das Frühstück zu genießen. Wir machten große Augen, trauten nicht zu widersprechen. Das war eine Überraschung, so ein tolles Frühstück erwartete uns im Nebenraum. Weitere zwei Gäste kamen hinzu und allen hat es sehr gut geschmeckt. Eine nette Unterhaltung und die Zeit verging viel zu schnell. Der Abschied ging sehr nahe, so viel spontane Gastfreundschaft und Herzlichkeit erlebt man nicht sehr oft. Wir wollte unsere Rechnung bezahlen, aber Anke wollte nichts haben. Natürlich wollten wir das so nicht, Corona hat die Branche schon hart genug getroffen. So gaben wir dennoch etwas ….von Herzen. Es wird ein Wiedersehen geben, dessen sind wir sicher. Danke Anke, schön dass wir bei dir unterkommen durften, du bist ein ganz toller Mensch!


Sonntag 17.10.2021
Etappe 7, von Kaub nach St. Goarshausen, 22 Km, 750 Höhenmeter.

Auch aus Kaub heraus führt der Weg zunächst in die südwärts gerichteten Weinberge des Seitentals. Doch nach einigem Anstieg ist man wieder in der Talwand, die steil zum Rhein hin abfällt. Mit toller Panoramaaussicht leitet der schmale Wanderweg durch das felsige Terrain unterhalb des Hardungsberg. Immer weiter ansteigend erreicht man schließlich den Ortsrand von Dorscheid. Mehrere Kilometer geht es nun entlang von offenen Feldern und Wiesen. Der hoch über Oberwesel gelegene Aussichtspavillion Schwedenschanze lässt einen einmal mehr erkennen, wie tief sich der Rhein in das Gebirge eingegraben hat. Tief unten erkennt man Oberwesel auf der gegenüberliegenden Seite mit der markanten Schönburg. Nach einem weiteren Kilometer am Rande des Plateaus entlang geht es zurück in den Wald. Der Weg verliert fast 100 Höhenmeter und verläuft dann als schmaler Wanderpfad durch den Hangwald. Vorbei an der nur noch vage erkennbaren Burgruine Herzogenstein leitet einen nun der Rheinsteig in das Urbachtal.

Welch ein Gegensatz zu der Wanderung oben auf dem Plateau von Dörscheid. Hier im feuchteren Tal ist die Vegetation wieder viel dichter und intensiver. Auf einer hölzernen Brücke überquert man den kleinen Bach und muß dann wieder fast 100 m ansteigen. Doch auch hier wird man für die Mühe schnell belohnt. Am Rastplatz „Waldschule“ kann man den Ausblick auf den Rhein durch einen ausgehöhlten Baumstamm genießen. Im weiteren Verlauf des Rheins erkennt man die steilen Felswände, die hier immer dichter zusammenrücken. Nicht mehr weit und der breite Strom muß sich am Loreleyfelsen durch einen schmalen Durchlass drängen. Doch bis dahin wartet der Weg noch mit einige Überraschungen für den Wanderer auf.

Aus dem Bornichbach-Tal unterhalb der kleinen Ansiedlung Bornich geht es auf der Hochfläche zunächst bequem weiter. Der breite, zum Teil betonierte Weg führt zunächst bis zum Biergarten der „Rheinsteig-Rast“. Von hier aus muß man unbedingt den Aussichtspunkt Felsenkanzel besuchen. Wer noch etwas weiter geht, kann auf einem schmalen Felsenweg etwa 20 m absteigen und erreicht eine geniale Aussichtsbank inmitten der Felsen, die zwischen den wenigen Büschen und Bäumen aufragen. Etwa 100 m entfernt liegt der Fels „Spitznack“, den man ebenfalls besteigen kann. Und nochmals 150 m weiter liegt der „Aussichtstempel“, von dem aus nun endgültig der hoch aufragende Loreleyfels in seiner vollen Größe zu sehen ist. Alle drei Aussichtspunkte lohnen sich, selbst wenn die Aussicht sich nicht wesentlich ändert.

Nach diesem ausgiebigen Schauen in die Ferne geht es auf dem Weiterweg zunächst zurück in den Wald. Wenig später quert man einen Weinberghang und steigt schließlich hinauf zum Loreley-Plateau. Von Sommerrodelbahn über Konzerthalle bis mehreren Hotels gibt es hier oben einiges zu sehen – vor allem aber den Blick von der Felskanzel an der Spitze des Loreleyfelsens hinab ins Rheintal. Gegenüber am auf dem Campingplatz Loreleyblick reihen sich jeden Sommer die weißen Wohnwagen und Wohnmobile entlang des Rheinufers auf, während gegenüber auf der Höhe ein Aussichtspavillion den Blick auf die steineren Front der Loreley gewährt. 200 m tiefer steht am Ende der langgezogenen Mohle die in Bronze gegossene Figur von der Sagengestalt, die dem Fels den Namen gab: die schöne Loreley, die angeblich mit ihrem Anblick die Schiffer früherer Zeit so ablenke, dass sie in dem schwierigen Fahrwasser das ein oder andere Mal auf einen der Felsen fuhren und kenterten.

Vom Loreleyfelsen geht es nun in einer halben Stunde hinüber zu der noch bewohnten Hangburg Katz (Neukatzenelnbogen) und von dort hinab zum langestreckten Uferort Sankt Goarshausen.

Ursprünglich sollte es eine Wanderung mit Zelt werden und was man sonst so braucht, um draußen zu übernachten. Man muss jedoch sagen, das Wetter war zwar super, aber die Temperaturen alles andere wie sommerlich. Bei um die 14 Grad war es im Schatten schon verdammt frisch und die Tage ja auch nicht mehr so lange.

Wir wanderten bis in die Dunkelheit hinein, während ich es genieße, ist es für Nicole doch eine große Herausforderung. Zu allem haben sich Fußprobleme bei ihr eingestellt, die nicht zu unterschätzen sind. Lange Wanderungen von über 20 km täglich sind eine Belastung für die Füße und Beine. Da gilt es aufmerksam in sich zu horchen und zu fühlen. Mir sind in den Wanderjahren, die ich schon auf den Sohlen habe, etliche Probleme untergekommen. So fängt es unweigerlich an zu zwicken und ziehen, ist es an einem Tag der rechte Fuß, so kann es am Nächsten schon das linke Knie sein. Mit der Zeit lernt man, seinen Körper immer besser zu kennen und die Zeichen zu lesen.

Es ist durchaus unbedenklich, wenn sich ein Gefühl der Erschöpfung und Ermüdung in den Beinen und Füßen bemerkbar macht. Auch dass man nach einer längeren Pause nur schwerlich wieder in Gang kommt. Nach einer längeren Belastung will der Körper die Regeneration und das ist uns eben auch begegnet. Der Körper, vornehmlich die Beine sagen ganz klar, wir regenerieren jetzt. Dieser Prozess setzt je nach Anstrengung und Dauer der Belastung etwa nach 30 Minuten ein. Ich für meinen Teil bevorzuge deshalb während einer Wanderung nur kurze Pausen. Allerdings, wenn es die Zeit zu lässt, kann eine lange Pause von über zwei Stunden auch zur Regeneration ausreichen und man ist wieder fit und frisch. Ich bin ein Fan von Mittagsschläfchen :-).

Als wir nach St. Goarshausen kamen, war es 20.30 Uhr und wir waren hungrig und nicht wirklich erpicht, weiter zu wandern. Draußen schlafen, so entschied Nicole, ist keine Option mehr für heute. Es reichte ihr und sie wollte keinen einzigen Schritt mehr als unbedingt sein muss machen.

Wir landeten in einer Weinstube und dort fanden wir auch Unterkunft. Man hat uns eine ganze Ferienwohnung überlassen und wir genossen diesen Luxus in vollen Zügen. Wenn schon, denn schon!

Wir schliefen tatsächlich so erholsam wie lange nicht. Hach.... hat schon was, so ein bequemes Bett in der üppigen Komfortzone ;-).


18.10.2021
Etappe 8 von St. Goarshausen nach Kestert, 13 Km, 700 Höhenmeter.

Wohl wissend, dass die Zeit heute auf unserer Seite sein würde, war Ausschlafen angesagt.

Als wir uns dann auf den Weg machten war es ca. 9.30 Uhr. Direkt galt es die ersten Höhenmeter unter die Füße zu nehmen.

Zunächst waren wir in dicke Wolken gehüllt, was mir persönlich auch sehr gut gefällt. Hat es doch etwas Mystisches und zudem ist es herrlich, wenn plötzlich aus den Wolken einzelne Teile der Landschaft auftauchen.

Ich freute mich sehr auf den Tag und die vielen Eindrücke. Der Duft des herbstlichen Waldes, die vollreifen Trauben, an denen man ohne zu naschen gar nicht vorbei kommt. Inzwischen kann sich unsere kleine Gruppe von zwei Leuten etwas auseinanderziehen. Jeder durchaus das eigene Tempo finden und gehen, auch eine wichtige Voraussetzung, um lange wandern zu können. So bietet sich Jedem die Gelegenheit zur inneren Einkehr und das ‚Zu sich kommen‘. Ich zum Beispiel liebe es einfach zu gehen und die innere Ruhe zu spüren. Den Blick außen und doch ganz verinnerlicht. Es hat etwas Meditatives so zu gehen. Oft geschieht es, dass ich darüber die Zeit vergesse, plötzlich sind wieder etliche Kilometer vergangen. Natürlich ist es auch schön, wenn man sich beim Wandern unterhalten kann, es gibt so viele Themen, die gerade an der frischen Luft neuen Wind erfahren. Wandern beflügelt, Ideen werden durchdacht und nehmen Formen an. Nie hat man im Alltag so viel Zeit, um Gedanken Zeit und Raum zu geben. Ich liebe es zu denken ….. Wenn dann noch die Natur „mit Bedacht“ einfließt, einfach traumhaft. Gedankenflug - gleich der Durchreise von Zugvögeln.

Hatte ich mich schon auf eine letzte Übernachtung doch noch im Zelt gefreut, sollte es auch heute anders kommen. Wir kamen nach Kestert, es war noch etwas Tag übrig ;-). Hungrig und mit müden Beinen wollten wir uns im einzigen Gasthof des Ortes niederlassen und die Bäuche mit Hausmannskost füllen.

Komplett ausgebucht bis spät in den Abend, ohweh. Kurzerhand entschieden wir uns mit der Bahn einen Ort weiter zu fahren. In Kamp-Bornhofen sollte es mehr Gastwirtschaft geben, so sagte man uns. Dem war auch so und wir schlenderten mit schweren Beinen durch den Ort. Wieder siegte der Wunsch nach Komfortzone beim Anblick des Schildes „Fremdenzimmer“.

Alla hopp, klingeln wir und fragen. Ich sag zu Nicole, mehr als 20€ bin ich nicht bereit zu investieren ;-). Mir egal sagt sie, den Rest lege ich drauf :-). Vor der Tür stieg mir der Duft reifer Äpfel aus einer Kiste in die Nase, ohhhhh roch das verlockend. Die Tür wurde geöffnet und Nicole machte uns ein Zimmer klar mit Frühstück im Bioformat. Drei knarzende, mit Teppich belegte Treppen ging es hinauf unters Dach. Schon das Treppenhaus glich einem Museum und mit jeder Treppe tauchte ich etwas weiter in die Vergangenheit ein. Letztlich öffnete sich die Tür zu unserem Zimmer und die Erinnerung war perfekt. Kindheit, wir sind zurück!

Weder Heizung noch warmes Wasser, dafür Dusche und WC auf dem Flur. In hellem Blau mit passenden Vorlegern und auf der Spiegelkonsole die Ersatzklorolle im Häkelkleidchen. Beim Betätigen der Toilettenspülung sollten alle Mitbewohner sofort erkennen, die Toilette wird wieder frei. Wir lachten herzhaft, als sich unsere Wirtin zurückgezogen hatte. Oh Mann, das hatte ich ewig nicht mehr. Dieses Ambiente musste heute Nacht für traumhaften Schlaf sorgen.

Zum Essen machten wir uns noch einmal auf in den Ort, wir hatten die Jägerstube gesehen und beschlossen, da gibt’s was wir mögen. Es war sehr gemütlich und schloss sich vom Einrichtungsstil nahtlos an unsere Unterkunft an. Wir bestellten, na was wohl....: Jägerschnitzel mit Pommes und Salat.

Nicole fragte die Bedienung: „Gibt es eine Alternative zu den Pommes“ Ja doch, Pommes. Wir konnten uns nur mit Mühe das Lachen verkneifen. Letztlich entschied sie sich für die Alternative Pommes während ich das Original bestellte.
Das Essen und die Gastlichkeit waren sehr gut, man lud uns ein, gerne sich am Buffet auch eine Suppe zu nehmen. Die Tomatensuppe war ausgezeichnet und wir wurden mehr als satt.

Zufrieden traten wir wenig später hinaus auf die Straße, wo uns auf der anderen Seite die Sparkasse mit einem großen Schild ins Auge fiel. Maskenpflicht und immer nur eine Person in den Schalterraum, zudem noch 1,5 Meter Abstand zueinander halten. Wir schauten uns an und hatten abermals das Lachen im Gesicht. Klar, sofort ein Foto gemacht und als Suchbild an ausgewählte Persönlichkeiten versandt :-).

Auf dem Weg zur Unterkunft kauften wir noch ein kleines Fläschchen Wein, immerhin befanden wir uns in wichtigen deutschen Weinregion. So durfte der Tag und Abend ausklingen, immer noch hatten wir Spaß an der Alternative zu den Pommes – so viel Auswahl hat man ja selten, lach.


19.10.2021 Rückreise von Kamp-Bornhofen in den Odenwald

Das Frühstück am nächsten Morgen: wir konnten uns kaum vorstellen, dass es einen Essplatz im Museum geben sollte. Doch es gab einen und sogar ein richtig feines Frühstück. Das Frühstücksei war in einem roten Styroporei versteckt und um uns herum an den Wänden Uhren, Uhren und nochmals Uhren. Niemals zeitlos, dachte ich so in mich hinein.

Die Herrschaften waren allerliebst und so machten wir uns mit Vesperbrot und duftendem Apfel auf den Heimweg. Ein kurzer Bummel noch durch den Ort und dann ab zur Bahn. Über Koblenz nach Mannheim und von dort mit der S Bahn das Neckartal entlang bis Hirschhorn.

Schöne Wandertage, die in Erinnerung bleiben werden, gingen damit zu Ende. Schöne Landschaften, tolle Stimmungen und Erfahrungen, Spaß und eine Menge neuer Erlebnisse hinterlassen ihre Spuren.

Ich buche allerdings schon auf der Heimfahrt ein Ticket für den folgenden Samstag. Der Reiz des Rheinsteiges hatte mich gepackt und ich wollte noch drei Etappen bis Koblenz mir gönnen. Schlafen nach Art Andrea und Laufen, so lange die Füße es mögen.


--------- Alleine weiter - vier Abschnitte des Rheinsteigs in drei Tagen ---------

Etappe 9 Kestert- Kamp-Bornhofen 12,1km
Etappe 10. Kamp-Bornhofen – Braubach, 16,7 km
Etappe 11. Braubach - Niederlahnstein, 8.3 km
Etappe 12. Niederlahnstein – Koblenz - Ehrenbreitenstein

23.10.2021 

Um 6:30 Uhr geht es mit der Bahn ab Hirschhorn in Richtung Rheintal. In Kestert komme ich mit Verspätung um 11 Uhr an. Die Hänge des Rheintals sind nicht sichtbar, tief die Wolken aber hoch die Hoffnung auf Sonne am Nachmittag.

Mir ging noch etwas die Begegnung mit einem Obdachlosen Mann durch den Kopf. Wir teilten uns die Bank, während ich auf den nächsten Zug wartete. Er war aus dem Krankenhaus entlassen und verdingte sich die Zeit auf dem Bahnhof. Er erzählte von seinem Schicksal und seinen Verletzungen. Zeigte mir zum guten Ende noch sein Bein mit….oh weh…. nein ich beschreibe es hier nicht. Ich war tief berührt und fast dankbar, als ich endlich aufbrechen konnte. Er bedankte sich für das Gespräch und die Wertschätzung, die ich ihm damit entgegenbrachte. Ich hätte seinen Tag erhellt …... einen dicken Kloß hatte ich im Hals.

Diese Gedanken begleiteten mich die ersten Stunden meiner Wanderschaft. Der Nachmittag verflog schnell und da es zu dieser Jahreszeit schon früh dunkel wird, musste ich darüber nachdenken, wie ich an Trinkwasser komme und welche Schutzhütte mein erstes Nachtlager werden sollte. Während einer kurzen Pause wurde die Karte auf dem Handy studiert. Drei Bächlein sollte es geben, ehe ich mein Nachtplatz erreichen sollte. Ich wanderte leicht und die Sonne begleitete den Weg, ein paar wenige Wanderer begegneten mir. Man grüßte freundlich, manchmal auch ein kurzes Gespräch, um dann fröhlich weiter des Weges zu wandern.

Der erste Bach entpuppte sich als…..nicht Wasser führend :-(. Nun ja, es kommen noch zwei, dachte ich mir. Doch Nummer 2 war geländetechnisch nicht erreichbar :-(. Langsam wurde es eng und ich überlegte Plan B. Zurück nach Osterspai oder in der Dunkelheit weiter bis endgültig ein Bach Wasser hergab. Laut Karte kamen ein paar Kilometer weiter auf jeden Fall noch einmal drei Bäche.

So richtig Lust auf noch viele Kilometer hatte ich nicht, Hunger und Müdigkeit machten sich breit. 22 Km sollten genug sein für einen halben Tag. Etwas lustlos ging ich weiter und …..traute meinen Augen nicht, als plötzlich eine nigelnagelneue Hütte auftauchte. Juhuuuuu eine tolle Veranda, ein geschütztes Eck für meine Schlafmatte. Die Krönung kam noch als ich eine Tür, die, wie ich vermutete, die Toilette beherbergt, öffnete. Jawollllll nicht verschlossen und ein Klo mit Waschbecken, sogar Toilettenpapier stand zur Verfügung. Konnte mein Glück kaum fassen und bereitete mein Lager. Als erstes setzte ich Wasser für Tee und Kartoffel mit Rindfleisch auf. Bis das Wasser kochte wurde die Luftmatratze aufgeblasen und der Daunenschlafsack durfte sich entfalten. Die Nacht kam dann schneller als ich gedacht hatte und es wurde empfindlich kalt. Also streifte ich mir eine warme Hose über und die Daunenjacke nebst Handschuhen und Mütze.

Der Kartoffelstampf mit Rindfleisch ist ein Fertiggericht, welches nur mit kochendem Wasser übergossen werden muss. Nach 8 Minuten ist es fertig zum Verzehr und schmeckt sogar sehr lecker. In die beginnende Nacht hinein genieße ich die warme Mahlzeit. Wenn man nach etlichen Stunden strammer Bewegung zur Ruhe kommt, der Kreislauf sich senkt und Entspannung sich ausbreitet, dann bekommt die Kälte eine Angriffsfläche. Das ist nicht zu unterschätzen! Oft hat man hat bei kaltem Wetter auch zu wenig getrunken und muss das aufholen. Wird jedoch auch sehr müde und möchte am liebsten nur schlafen. Ich habe es schon erlebt, dass ich zu müde zu allem war und auf Essen und Trinken verzichtete, nur um einfach so schnell wie möglich schlafen können. In Verbindung mit Temperaturen um den Gefrierpunkt kann man sich damit in Lebensgefahr bringen.

Nun gut, ich teile meine Energiereserven immer gut genug ein, so dass noch für alle notwendigen Versorgungspunkte Energie vorhanden ist. Das habe ich gelernt und trainiert und es garantiert mir - wenn nötig - einen nächsten Ort zu erreichen oder andere notwendige Maßnahmen einzuleiten. Ohne dieses Sicherheitspolster begebe ich mich nicht alleine auf eine Wanderung!

Gegessen, Getrunken, frisch gemacht und das Schlafshirt am Leib schlupfe ich gegen 20 Uhr in den Schlafsack. Herrlich, sich nach einem langen Tag auf der Schlafmatte auszustrecken. Mein Blick gleitet hinaus in den Himmel, wo sich immer mehr Sterne ein Stelldichein geben. Schnell wird mir mollig warm in dem Sack, der bis oben zugebunden ist. Ohhhhhh wie ich mich wohl fühle in meiner Haut und an diesem schönen Ort. Mit diesem Gedanken schlafe ich selig ein.

24.10.2021

Nach einer Nacht, in der ich wie in Abrahams Schoss geschlafen habe, erwache ich früh, nein eigentlich spät. Der Himmel dämmert bereits dem Tag entgegen, es ist 7 Uhr und ich fit. Sollten noch Zellen am Schlafen sein, die Temperatur ist da angekommen, bei der herabgefallene Blätter am Boden einen weißen Rand bekommen.

Aus dem Schlafsack in die Kleider ist der Weg, auf dem auch die letzten Zellen meines Körpers begreifen: ein neues Abenteuer steht in den Startlöchern. Zum Glück ist der dampfende Kaffee schnell zubereitet, dazu ein Riegel und alle Habseligkeiten wieder in den Rucksack verstauen. In umgekehrter Reihenfolge wie die Dinge am Abend den Sack verlassen haben, finden sie wieder dahin zurück.

8 Uhr, als es hell wird, bin ich wieder zurück auf dem Rheinsteig. Siehe da, die Bächlein, die ich überqueren musste, führten Wasser und etwa 4 Km nach der Florianshütte gab es eine weitere Hütte. Ebenfalls neu und mit tollen Sitzgelegenheiten. Eigentlich müsste man einen traumhaften Ausblick haben, aber die Wolken hängen tief und vom Rheintal ist absolut nichts zu sehen.

So wandere ich durch mystischen Wald und genoss diese ganz andere Seite vom Herbst.

Ich freute mich, als ich nach Braubach komme und mein Blick die Bäckerei streift. Der Duft von leckeren Kuchen …... ohhhhhh wie kann ich da widerstehen? Gar nicht! Ich gehe hinein und gönne mir einen Becher Kaffee, dazu eine eingeschlagene Nussecke. Das Ganze trage ich auf den nächsten Berg zur nächsten Bank und dann - ich kann euch sagen: es ist einfach nur lecker und erquickt Körper und Seele :-).

So beseelt wandere ich leichten Fußes weiter, Niederlahnstein das Ziel für den heutigen Tag. Etwas Tag ist noch übrig und bei herrlichstem Wetter auch die Wanderlust. So überquere ich gegen den späten Nachmittag die Lahn bei Friedland, um von dort aus noch die ca. 3 km lange Ruppertsklamm zu durchwandern. Zuvor aber gönnte ich mir im kleinen Gasthaus am Hafen ein Radler, genieße die letzten Sonnenstrahlen und freue mich auf die Klamm. Hoffentlich wird sich die Hütte am Ausgang der Klamm als guter Nachtplatz eignen. Zumindest Wasser sollte es geben, das war sicher.

Am Eingang noch schnell ein Foto zur Erinnerung und dann aber los, sonst ist es dunkel, bis ich durch bin. Eine kleine Brücke am unteren Ende der Klamm führt über den Bach und mir entgegen kommt ein Vater mit seinem etwa 8 Jahre alten Sohn. Er turnt auf der Brücke und ich will warten, bis sie darüber sind (Corona-Abstand halt). Ich frage den Jungen, ob er ein tolles Abenteuer hatte so durch die Schlucht. Er antwortete munter, „Wir sind nicht bis ganz oben gewesen weil, ich möchte noch beim Papa zu Abend essen. Meine Eltern haben sich getrennt und ich darf bei Beiden sein. Montag, Dienstag bei Mama, Mittwoch, Donnerstag bei Papa, Freitag, Samstag bei Mama und Sonntag bis abends beim Papa.“ Er strahlte mich dabei an und ich erwiderte ihm: „Das ist doch super! So haben Alle eine ganze Menge Zeit mit dir zusammen.“

Er turnt immer noch vor mir auf der Brücke herum und plötzlich meint er: „Zwei Mädchen aus meiner Klasse sagen, ich hätte sehr schöne Augen“

Ich muss so herzlich in mich hinein lachen und sage zu ihm. „Komm lass mich mal schauen ob das so ist“.

„JAAAAAA, das stimmt“, bestätige ich seine Worte, „die sind sehr schön.“ Da drängt - ich glaube, dem Papa war das dann bissel peinlich - er zum weitergehen. Wir verabschieden uns fröhlich und wünschen einander alles Gute.

Ich glaube ich hatte das Lachen bis zum Ende der Klamm im Gesicht stehen.

Als ich entlang des Bächlein oben ankam und bereits Wasser gefasst hatte, schwand bei dem Anblick der Hütte die Hoffnung auf einen Schlafplatz schlagartig. Eine dunkle, riesige Hütte mit bestimmt zehn Tischen und Bänken erwartete mich wie der Schlund eines Monsters. Hilfe nein keine 10 Pferde bringen mich dazu, in diesem schaurigen Gebäude zu übernachten.

Ich hatte von der anderen Talseite einen Aussichtsplatz mit Dach gesehen. Dahin wollte ich weiter gehen. Etwa 1,5 km Weg weiter auf einem ebenen Panoramaweg im felsigen Hang und ich kam gerade noch bei Tageslicht an, wurde mit einem schönen Sonnenuntergang willkommen geheißen. Die kleine Hütte, eher nur ein Unterstand und etwas oberhalb des Weges gelegen, verfügte über eine Seelenbaumelbank sowie Tisch und Bank. Einfach genial und mein Glück war perfekt, rundum zufrieden nach 27 gewanderten Kilometern. Es folgte das gleiche Prozedere wie den Abend zuvor. Um 21 Uhr schlief ich mit Blick in den Sternenhimmel glücklich ein.

Einmal, mitten in der Nacht, wachte ich auf. Der Sternenhimmel leuchtete und die Mondsichel ebenfalls. Mein Blick Richtung Lahntal: Ohhhhhh weiß wie Schnee lag da unten die Wolkendecke. So ein traumhafter Anblick. Als ich morgens wieder erwachte gab es um mich herum nichts als Nebel. Der Schlafsack war feucht im Kopfbereich, aber sonst alles warm und trocken.

25.10.2021

Ich war früh auf, 6 Uhr und im Schein der Stirnlampe bereitete ich mir Frühstück und danach folgte das übliche Verpackungsritual sämtlicher Gegenstände. Es ist seltsam, wie einfach man für alles sorgen kann mit geringem Aufwand und doch solche Glücksgefühle geschenkt bekommt. Zum Beispiel diesen Luxus einer Tasse heißen Tees, der jede Zelle des Körpers zu erwärmen scheint. Diese Brezel vom Vortag, die die nötige Energie liefert und so lecker schmeckt, weil sie eine große Aufgabe zu erfüllen hat.

Ich stehe in dem kleinen Unterschlupf und versuche, mit so wenig Licht wie möglich und so viel wie nötig, meine Sachen zu packen. Wie wichtig da plötzlich die einzelnen Gegenstände sind, weil sie enorme Wichtigkeit und Bedeutung haben. Du prägst dir automatisch ein, wo was liegt und du darfst nichts zurücklassen, weil alles, was du dabeihast, auch das ist, was du auch brauchst.

Das war vor Jahren ganz anders, geht es mir durch den Kopf. Wie viel unnötiges Zeug fand doch immer wieder den Weg in den Rucksack. Erst seit Neuseeland habe ich angefangen, tatsächlich zu minimieren. Was soll ich sagen: es gelingt mir immer besser, die wirklich wesentlichen und wichtigen Dinge für die Seele im Herzen dabei zu haben statt im immer schwer werdenden Rucksack. Die Dinge des täglichen Lebens, die passen nämlich tatsächlich in einen Rucksack, der letztendlich gerade mal 6 kg wiegt ohne Wasser und Nahrung.

Früh schon im ersten Tageslicht bin ich wieder auf dem Rheinsteig unterwegs. Das letzte Ziel dieser wenigen Wandertage ist Koblenz-Ehrenbreitenstein. Am Abend geht es dann ab Koblenz mit der Bahn nach Hause.

Zunächst aber geht es durch mystischen Eichenwald im Nebel weiter auf dem Rheinsteig. Es gibt kaum Worte, die beschreiben können, welche Gefühle mich so früh am Morgen beim Wandern begleiten.

Es ist eine Art Demut und Dankbarkeit. Es ist das Gefühl, sich wie neu geboren zu fühlen nach einer Nacht, die alle Zellen mit Frischluft geflutet hat. Es ist eine Neugier, geboren aus der Energie des heraufsteigenden Tages, eines Tages, dessen Anfang ich in diesen Momenten intensiv erlebe und dessen Ende so fern scheint. Einzig der Augenblick zählt! Und so reiht sich in einem Wandertag Augenblick an Augenblick bis er sich – noch in weiter Ferne – an seinem Ende im Dunkel der nächsten Nacht auflöst.

Das Handy läutet ….. ein Reh blickt mich aus der idyllischen Natur direkt an …..

Ich gehe dran, denn ich hatte einer lieben Person versprochen, da zu sein. Das Schicksal kennt mehr als die Natur, es ist eine spezielle Naturgewalt unter den Menschen. Zur Zeit wütet das Schicksal wie ein Tornado durch die Welt.....

Das Reh steht währenddessen still da, die ersten Sonnenstrahlen dringen durch den Nebel und ein Bild entsteht. Ein Bild weit entfernt von den Worten, die mein Ohr erreichen. Bin versucht, all das Übel einfach zu verdrängen, gar nicht bewusst werden zu lassen.....

Das Reh schaut mich an und mir ist klar, Bewusstsein ist allgegenwärtig, Schicksal ist ein Teil der Naturgewalt. Du bist im Hier und Jetzt und Beides zu erleben ist Teil eines großen Ganzen. Es darf nebeneinander sein, es ist nebeneinander, ob ich will oder nicht.

Plötzlich denke ich an meine Mom, ihre letzte Reise, denke an die Menschen, welche ich bisher im Leben schon habe gehen lassen müssen. Vertrauen und Loslassen...... welch große Lektion im Leben, die zu lernen wohl eine der größten Herausforderungen ist.

Der Rheinsteig führt in seinem weiteren Verlauf direkt hinunter in den Nebel. Das möchte ich nicht und so wechsle ich den Weg. Rheinhöhenweg klingt gut und ich folge ihm. Letztendlich kamen die beiden Wege wieder zusammen und erreichten Koblenz-Ehrenbreitenstein. Es ist Mittagszeit und ich habe Hunger. So kehre ich in einem kleinen uralten Wirtshaus ein. Die Beleuchtung weckt das Gefühl später Stunde :-) und das Essen ist entsprechend „abgelegen“ ;-).

Da der Tag noch reichlich Zeit übrig hat, will ich eine Etappe weiter wandern. Doch uuf der Festung Ehrenbreitenstein ist der Weg dann zu Ende ….. Sturmschäden. Alla hopp, dann nehme ich das Zeichen an und durchstreife noch Koblenz. Zum Dreiländereck mit der Fähre übergesetzt, um auf die Koblenzer Seite zu gelangen. Zum Trost über den versperrten Weiterweg esse ich eine Rindswurst mit Senf. Boahhhh die ist lecker :-)

Ich entscheide mich nach Erkundung der Stadt zu Fuß schließlich doch, einen früheren Zug nach Hause zu nehmen. So gehen drei tolle Wandertage auf dem Rheinsteig glücklich zu Ende.



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